Nordlichter in der Schweiz
An gleich vier verschiedenen Orten in der CH (und AT) durfte ich im 2024 Polarlichter bestaunen. Die Möglichkeit, Nordlichter in der Schweiz zu erleben, fühlt sich wie ein kleines Wunder an. Obwohl unser Land weit südlich des Polarkreises liegt, gibt es doch hin und wieder diese seltenen Momente, in denen der Himmel über den Alpen von leuchtenden, tanzenden Schleiern erhellt wird. Es ist eine Mischung aus Glück und Timing – und vielleicht ein wenig Magie. Die Sonnenaktivität schwankt in einem 11-Jahres-Rhythmus. Alle 11 Jahre gibt es ein Maximum der Anzahl an dunklen Flecken auf der Sonne, und darauf steuern wir nun zu.
Ich erinnere mich an die Nacht an diesem kleinen idyllischen Bergsee im Toggenburg mit meinen Fotografen-Kollegen Chris Burth und Phillip Lukas und dem anschlissenden Alleingang zu meinem Lieblingsbaum am Bodensee am 11. Mai 2024, als ob es gestern gewesen wäre. So fest haben sich diese exklusiven Momente in meinem Langzeitgedächtnis eingebrannt. Die Prognose war einfach zu vielversprechend, um zu Hause zu bleiben. Und auch wenn von den Planungs-Apps schon öfters diesbezüglich viel versprochen wurde und dann doch Nichts sichtbar war am Nachthimmel, so war an diesem Datum die Aurora-Magie irgendwie spührbar. Schon früh am Nachmittag begaben wir uns zum Bergsee und warteten geduldig auf einer kleinen Holzplattform am Seerand, welche auf einem Holzsteg erreichbar ist. Voller Vorfreude auf das, was uns eventuell in ein paar Stunden erwarten könnte, diskutierten und spekulierten wir über mögliche Szenarien und suchten den Ort nach optimalen Kompositionen ab. Wir fotografierten den spiegelglatten Bergsee im letzten Sonnenlicht und warteten ungeduldig auf die Dämmerung. Plötzlich erschienen schwache, rötliche Säulen und Verfärbungen auf unserem Display, welche an diesem Moment noch nicht von Auge sichtbar waren. Mit zunehmender Dunkelheit stieg dann aber auch die Intensität der Lichter und bald war auch von Auge ein knallroter Himmel zu sehen! Wir alle waren hin und weg von diesem Spektakel!
Noch in der selben Nacht bin ich dann an den Bodensee gefahren zu einem Platz, welchen ich als kleiner Junge zig Male mit meiner Familie und meinen Verwandten aus Österreich zum Picknick oder zum Baden besucht habe. Auf der Autobahn sah ich die Norlichter wild am Himmel herumtanzen und ich hoffte innig, dass ich an besagtem Ort die Nordlichter immer noch sehen würde. Auch der Weg von circa 20 Minuten durch den Wald fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Als ich dann angekommen bin, sah ich zu meiner Überraschung, dass die Nordlichter immer noch aktiv waren! Und nicht nur das; der sonst unruhige und wellige Bodensee war fast wie ein perfekter Spiegel und reflektierte die Lichtsäulen und den ikonischen Baum auf der kleinen Insel! Von so einem Moment träumt wohl jeder Landschaftsfotograf und es trieb mir die Tränen ins Auge, denn ich hatte als Kind so viele schöne Momente an diesem Ort erlebt und nun durfte ich dieses kleine Paradies mit Nordlichter begutachten! Bis zur Morgendämmerung ging diese unglaublich eindrückliche Show weiter und ich war überwältigt von ihrer Schönheit und Intensität.
Am nächsten Tag bin ich dann noch einmal ins Toggenburg zu einem anderen Bergsee gefahren, in dem sich die Churfirsten-Bergkette spiegelt, wenn einem der Wind keinen Strich durch die Rechnung zieht. Die Prognose war nicht mehr so vielversprechend wie am Vortag und dennoch optimistisch genug, dass ich den Versuch wagen wollte. Relativ spät bin ich dann am Parkplatz angekommen und musste mich beeilen, um noch rechtzeitig zum Dämmerungsbeginn am Bergsee anzukommen. Als ich meine Kamera in der Dunkelheit aufgestellt hatte, rief plötzlich eine Stimme “Ati?”, so dass mein Herz fast stehenblieb. Es war Landschaftsfotograf Tobias Ryser, welcher ebenfalls vor Ort war und seelenruhig und unauffällig ein paar Meter neben mir schon vorbereitet am Bergsee sass. Ein wenig später kam dann noch Martin Mägli dazu, welcher leider ein wenig zu spät die Kamera aufstellen konnte, denn die Nordlichter waren in dieser Nacht nur ganz kurz zu Beginn der Nacht sichtbar. Diesen Ort mit Nordlichtern einzufangen war für mich ein klares Jahres-Highlight!
Für ein paar Minuten waren auch an diesem Bergsee die Nordlichter (und darüber die Milchstrasse) sichtbar.
Am meisten fasziniert mich, wie vergänglich und unvorhersehbar dieses Schauspiel ist. Es ist möglich, dass man stundenlang wartet, die Kälte und Müdigkeit ignorierend, nur um mit leeren Händen zurückzukehren. Doch genau das macht die Momente, in denen die Nordlichter tatsächlich erscheinen, so besonders. Es ist eine Lektion in Geduld, in Demut und in der Wertschätzung für die kleinen Wunder der Natur. Die Schweiz mag nicht die erste Wahl für Nordlichter sein, aber wenn man an den richtigen Orten ist, die richtige Nacht erwischt und den Blick gegen Norden richtet, können sich selbst hier diese himmlischen Vorhänge zeigen. Und jeder einzelne dieser Augenblicke bleibt für immer in meinem Herzen.
In der Nacht am 10. Oktober war es dann wieder so weit. Nachdem die Nordlichter aufgrund starker Sonnenwinden schon ein paar Mal in den Wochen davor vielversprechend angekündigt waren und dann doch Nichts daraus wurde, sah ich in dieser Nacht auf einer Webcam, dass der Horizont tatsächlich wieder rot war. Leider war der Himmel in der Ostschweiz jedoch fast vollständig mit Wolken bedeckt und auch regnete es alle paar Minuten wieder. Eigentlich wollte ich zu einem total exklusiven Spot fahren, doch der Zustieg in diesen Verhältnissen wäre viel zu gefährlich gewesen, denn es führt kein Wanderweg dahin und der weglose Aufstieg ist sehr steil und unübersichtlich. So entschloss ich mich, einen Solitärbaum zu besuchen, welcher nicht weit von mir zuhause entfernt auf einem Hügel steht. Schon beim Aufstieg sah ich im Regen ein rotes Augenpaar aufblitzen und dachte mir: Da hat ein Fuchs wohl dieselbe Idee. Auf dem Video unten ist er auch kurz sichtbar, denn er ist für circa 2 Sekunden auf dem Hügel stehengeblieben und hat sich so als halbtransparenten Geist in einer meiner Aufnahemen der Timelapse verewigt.
2024 - was für ein Jahr für nachtbegeisterte Natur- und Landschaftsfotografen!
Hier die Einzelaufnahme der Timelapse mit dem “Geisterfuchs”, welcher wohl auch ungläubig den roten Horizont bestaunte.