Eistage am Bergbach

Jedes Jahr freue ich mich auf diesen Moment, wenn ein paar hintereinander folgende Eistage die Landschaft regelrecht einfrieren und stehende Gewässer in kleine Kunstwerke verwandeln. Als ich auf der Wetter-App die Prognose für mehrere kalte Tage sah, kamen mir sofort zwei nahgelegene Wasserfälle in den Sinn. Aufgrund ihrer geografischen Lage sind sie im Winter ganztags im Schatten und dank der Abwesenheit des Sonnenlichts kann die Kälte ohne Gegenwehr die Landschaft mit ihrem blau-weissen Zauber überziehen.

Am frühen Morgen fuhr ich mit dem Auto zum Parkplatz eines Gasthauses, von welchem die Wanderung zu meinem ersten Ziel nicht allzu lange dauert. Eine ganz ordentliche Schneedecke liegt auf den Wiesen und die Kälte hat über Nacht auch auf ihr schon schöne Eiskristalle wachsen lassen. Dieses kribbelnde Geräusch, ASMR pur, wenn man dann darüber läuft und die feinen Eisnadeln bersten. Durch den frisch verschneiten Wald ging die Wanderung am Fusse eines Berges entlang. Aufmerksam schaute ich nach Anzeichen für Wildtiere, denn hier habe ich schon ein paar mal Füchse und andere Bewohner des Waldes beobachten können. Jetzt wäre mein Teleobjektiv für einmal schon vormontiert und ich somit gut vorbereitet für ein spontanes Wildtier-Shooting. Obwohl mir mein erhofftes Traumportrait vom Fuchs im Schnee auf meiner 15-minütigen Wanderung zum Bergbach verwehrt blieb, war ich nicht traurig. Denn der Anblick der Bachverläufe vor dem Wasserfall liess mein Herz höher schlagen. Eine unglaubliche Vielfalt an zig kleinen Eiskunstwerken hatte die Kälte in Zusammenarbeit mit dem Wasser hier erschaffen. An manchen Orten war der Bach voll und ganz mit abstrakten Eiswaben überzogen. Eissäulen, Eiszapfen, vereiste Steine und frischer Schnee links und rechts; ein gänzlich anderes Bild wie im Sommer, wenn das Grün der mit Moss bewachsenen Steinen dominiert. Ich finde solche Veränderungen in der Landschaft unglaublich faszinierend und insbesondere solche, welche man nur innerhalb von ein paar Wochen oder gar Tagen beobachten und fotografieren kann.

Fast drei Stunden fotografierte ich jeden schönen Winkel dieses Bachabschnitts, wobei der Wasserfall selbst mit ein paar Bildern im Kasten war. Oft musste ich mein Objektiv reinigen, denn der aufgewirbelte Wasserstaub in der Luft setzte sich immer wieder auf der Linse ab und gefror im selben Moment. Noch habe ich nicht herausgefunden, wie ich dieses Problem am optimalsten bewältige. Bisher war es eine Mischung aus mehreren Kameraputztüchern und Tempo-Taschentüchern um noch flüssiges Wasser aufzusaugen.

Den zweiten Wasserfall besuchte ich einen Tag später mit meinem Kollege Daniel Indermaur. Schon letztes Jahr hatte ich an dieser kleinen Perle im Toggenburg ein schönes Bild realisieren können. Damals hatte ich mich ohne Steigeisen vorsichtig hinter den Wasserfall in eine mit Eis überzogene Ecke gezwängt und einen schier aussichtslosen Kampf gegen den starken Wassernebel geführt, welcher nach jeder Aufnahme meine Linse befeuchtete. Damals hatte ich zuwenig Taschentücher dabei und musste Zuhause dann alles gut trocknen. Dieses Mal jedoch blieb mir die ungemütliche Akrobatik hinter dem Wasser erspart, denn um den Wasserfall herum fand ich überall wunderschöne Formationen und Details aus Eis. Und auch hier wieder war alles Andere interessanter für die Kamera als der Wasserfall selbst. Am Abend liess das späte Licht der Sonne die verschneiten, weissen Äste der Bäume oberhalb des Wasserfalls goldig erleuchten und so gab es dann sogar noch ein Bild eines Wasserfalls wie geplant.

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Nordlichter in der Schweiz

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Jagd nach dem Lärchengold